Brauchtum
Brauchtum ist in Bad Hindelang mit einer langen Tradition verbunden. Während Ihres Urlaubs werden Sie hin und wieder mit Geschehnissen in Berührung kommen, die Ihnen so aus Ihrem Heimatort nicht bekannt sind. Ein Erklärungsversuch:
Fasnacht
Die Fasnacht, also die Hindelanger Faschingszeit, beginnt mit der Darbietung des
„Fasnachtsspiels“ in Bad Hindelang, Bad Oberdorf und Vorderhindelang. Dabei zieht die
männliche Jugend verkleidet mit einem bunt geschmückten Wagen durch den Ort, besucht die
Einheimischen und Gäste und trägt die aktuellen Geschehnisse des örtlichen Lebens in Reimen auf
unterhaltsame Weise vor. Bei dieser Gelegenheit bekommt auch die Gemeindeverwaltung regelmässig
Ihren Teil ab.
Den Höhepunkt erreicht die Fasnacht am Faschingssonntag beim „Hindelanger
Fasnachtsumzug.“ Dort tauchen dann auch die traditionellen „Butzelarva“
auf.
Diese holzgeschnitzten Masken haben vereinzelt schon 200 Jahre „auf dem
Buckel“, die ältesten stammen noch aus der Hand der Künstler-Brüder Eberhard (1768-1859). Die
Larven herzustellen ist eine wahre Kunst. Sie tragen Namen wie „die Zahluckere, die
Gstrupft’, das Starahisle, die Hearnlere und der Napoleon“. Insgesamt gibt es etwa 140
Butzelarva, deren Bestand jährlich zunimmt dank der fleißigen Schnitzer.
Funken
Kaum ist die Fasnacht vorbei, beginnen die Vorbereitungen für den Funkensonntag, den ersten Sonntag
in der Fastenzeit. Schon Wochen und Monate vorher werden Holzvorräte gesammelt, auch alte
Weihnachtsbäume müssen herhalten, um auf einen großen, bis zu vier Meter hohen Scheiterhaufen
aufgeschichtet zu werden. In dessen Mitte wird eine lange Stange angebracht und an deren Ende die
Funkenhexe befestigt, eine aus Stroh gefertigte und mit alten Gewändern bekleidete Puppe. Bei
Einbruch der Dunkelheit am Funkensonntag, das ist meist gegen 19 Uhr, versammelt sich dann eine
große Menschenschar und der Funken wird mit brennenden Fackeln entzündet. Je höher das Feuer
steigt, umso größer wird die Freude. Hier beweist sich, wie gut die Funkenbauer ihren Funken gebaut
haben, denn je länger er braucht um abzubrennen, desto besser wurde er gestapelt. Je höher und
heller das Feuer brennt, desto fruchtbarer soll das folgende Jahr werden und Krankheit und Unglück
sollen abgewendet werden. Der größte Jubel bricht natürlich dann aus, wenn die Funkenhex zu brennen
anfängt, dann ist der Höhepunkt des Spektakels erreicht. Der Ursprung dieses alten Brauchs ist bis
heute noch nicht ganz geklärt, doch deuten viele Quellen auf ein sehr hohes Alter hin. Er entstammt
wohl einem heidnischen Kult zum Austreiben des Winters, aber auch mit den Fruchtbarkeitsriten und
Brandopfern der Kelten wird der Funken in Verbindung gebracht. Zugleich erinnert er auch an das
Verbrennen des Bösen (der Hexe) zum Ende des Winters hin, um die Kraft der Sonne zu stärken und
Unheil abzuwenden.
Zum Funken gehörten auch immer eine Tasse heißer Glühwein und
frischgebackene „Funkenküchle“, in heißem Fett herausgebackene und mit Zucker bestreute
ringförmige Teigfladen.
Im Bad Hindelanger Gemeindegebiet brennen an diesem Tag in allen
Ortsteilen Funken, folgen Sie einfach den Fackeln. Auch Tage zuvor sind die Holzscheite schon auf
den zahlreichen Anhöhen von weitem sichtbar. Jeder Ortsteil wetteifert, den schönsten Funken sein
eigen nennen zu können.
Palmsonntag und –prozession
Auch der Palmsonntag bringt für Bad Hindelang eine Tradition. Seit 1963 wird die Palmprozession wieder durchgeführt, nachdem sie zuvor 160 Jahre lang ausgesetzt wurde. Den Anfang bildet die Palmweihe in Kirche in Bad Oberdorf. Dabei werden schöne Palmbuschen, die schon tags zuvor nach alter Tradition meist von den Vätern gebunden wurden, geweiht, um sie später im Herrgottswinkel des Hauses anzubringen. Zu dem Palmbuschen gehören nicht nur die eigentlichen Palmkätzchen, sondern auch Tannenreisig, Eibenzweige, Stechholder und Wacholder, all dies gebunden um einen Haselnussstecken. Um Unglück und Unwetter abzuwenden, findet auch ein Zweig seinen Weg in Stall und Scheune. Danach beginnt die feierliche Palmprozession von Bad Oberdorf zur Pfarrkirche nach Bad Hindelang. Angeführt wird der Zug durch den Palmesel (der in der Bad Oberdorfer Kirche zu sehen ist), gefolgt von den Burschen mit ihren Palmbuschen, und den musikalischen Rahmen bildet die Hindelanger Harmoniemusik. Wenn der Zug in der Bad Hindelanger Kirche angekommen ist, wird dort der Gottesdienst gehalten. Sobald es auf dessen Ende zugeht, wird es unruhig unter den Burschen, denn nach dem Gottesdienst sollte sich jeder bemühen, die Kirche schnellstmöglich zu verlassen. Der letzte darf von den anderen Palmesel genannt werden.
Viehscheid
Eine der bekanntesten Allgäuer Traditionen findet in Bad Hindelang jedes Jahr am 11.September
statt. Nur wenn der 11. September auf einen Sonntag fällt, wird er auf den vorangehenden Samstag,
also den 10. September verschoben: der sogenannte Viehscheid – die Einheimischen werden Sie oft
auch nur von „dem Scheid“ sprechen hören. Es ist das größte weltliche Fest des Tales und dies ist
auch kein Wunder in einem Tal, das so sehr mit der Landwirtschaft verbunden ist. Im Frühsommer
jeden Jahres wird das Allgäuer Jungvieh zur „Sommerfrische“ auf die Berge geschickt, wo kraftvolles
Futter und frische Luft auf sie warten. Auf der Alpe gesömmertes Vieh gilt als besonders gesund und
widerstandsfähig. In diesen Genuss kommt nicht nur das eigene Vieh aus dem Tal, sondern auch viele
Bauern aus dem Unterland schicken ihr Jungvieh auf die Alpen rund um Bad Hindelang. Dabei
unterscheidet man zwischen Galt-Alpen (nur Jungvieh) und Senn-Alpen (Kühe, deren Milch an Ort und
Stelle zu Butter und Käse verarbeitet wird). Und dann nach ca. 100 Tagen in den Bergen kehrt das
Vieh zusammen mit den Hirten wieder in das Tal zurück und wird dort „geschieden“, d.h. seinem
jeweiligen Besitzer wieder zurückgegeben. Schon einen Tag vorher beginnt ein emsiges Treiben: Die
Tiere werden herausgeputzt, die großen Schellen (Zugschellen) angelegt und das Leittier mit einem
prächtigen Kranz geschmückt. Letzteres allerdings nur dann, wenn während des Sommers kein Unfall,
zum Beispiel durch Steinschlag, Blitzschlag oder Absturz eines Tieres, passiert ist. Der Kranz wird
mit viel Liebe aus Zweigen, Blumen, Gräsern und Bändern in Form einer Krone geflochten. Meist
enthält er ein Kreuz, womit um den Schutz des Himmels gefleht wird. Auch ein Spiegel zur Abwehr
böser Geister gehört in den Kranz. Dementsprechend spektakulär gestaltet sich dann auch das
Eintreffen der Herden ab ca. 8.30 Uhr am Viehscheid-Platz auf der Aach, wo sie viele Schaulustige
in Empfang nehmen. Schon von weitem ist das Schelle- und Glockengeläut zu hören, angeführt vom
stolzen Kranzrind. Wenn die Herde den Scheidplatz erreicht hat, durchläuft sie einen Verschlag, an
dessen Ende die Tier einzeln beim Hirten ankommen. Laut ruft dieser den Namen des Besitzers, der
sein Vieh dann in Empfang nimmt. Dies geschieht mit größter Zuverlässigkeit, der Hirte kann jedes
Tier genau seinem Besitzer zuordnen. Wer würde da noch sagen, dass alle Kühe gleich aussehen? In
Bad Hindelang werden jedes Jahr ca. 1000 Stück Vieh der fünf Galt-Alpen (die im Abstand von einer
Stunde eintreffen) von den Hirten wieder in die Hände ihrer Besitzer zurückgegeben. Verbunden mit
dem Viehscheid ist auch immer ein großer Krämermarkt mit Festzelt, Verkaufsständen, Fahrgeschäften
und vielem mehr. Hier werden auch die Hirten geehrt, denn es ist wahrlich keine leichte Aufgabe,
100 Tage lang die Verantwortung für eine ganze Herde zu tragen. Auf den Sennalpen werden Butter und
auch Käse in beschwerlicher Handarbeit hergestellt und zudem begleitet einen die Sorge um die Kühe
jeden Tag, denn der Hirte verspricht dem Eigentümer, seine Kühe im Herbst gesund und kräftig
zurückzugeben. Darum werden stattliche Glocken und Schellen verlost, gestiftet von Behörden,
Verbänden und Genossenschaften. Sie werden voll Stolz an gut sichtbarer Stelle im Haus oder auf der
Alpe aufgehängt.
Der Tag des Viehscheids gilt in Bad Hindelang als Feiertag, auch die Schulen
geben frei.
Wer das Treiben rund um den Viehscheid nochmals von Nahem erleben will, der kann ein
paar Tage später den etwas kleineren Viehscheid in Unterjoch besuchen.
Klausentreiben
Mit dem Beginn des Winters wird es Zeit, einen alten Brauch lebendig werden zu lassen. Wieder sind
es die Kelten, denen die Abstammung zugesprochen wird. So gibt es seit alters her in Bad Hindelang,
wie in vielen Allgäuer Orten, am 5. und 6. Dezember das „Klausentreiben“. Dabei dürfte
es sich um einen mehr als 2000 Jahre alten, also einen der ältesten Kulturbräuche der heidnischen
Zeit handeln. Damals fürchteten die Menschen sich gerade in den langen, harten Wintern sehr vor
bösen Geistern und Dämonen. Um diese zu vertreiben, vermummten sich die mutigsten jungen Männer des
Ortes mit dicken Pelzen, Fellen, Hörnern und Ledergewändern. Anschließend zogen sie johlend mit
Schellen und Ruten bepackt durch die Gassen mit dem Ziel, alles Böse zu verjagen. Wie man sich
vorstellen kann, war man gut beraten, diesen wilden Horden nicht zu begegnen. Da sich über die
Jahrhunderte – auch während der Zeit der Christianisierung – die Furcht vor Geistern
nicht legte, blieb der Brauch lange Zeit in dieser Form erhalten. Heutzutage ist die Motivation
natürlich nicht mehr so sehr die Furcht vor bösen Geistern, sondern die Aufrechterhaltung einer
alten Tradition. Auch werden nicht mehr die Geister gejagt, die Klausen haben es vielmehr auf
vorlaute und allzu neugierige Zuschauer am Wegesrand abgesehen, die schon mal den einen oder
anderen Rutenhieb abbekommen können. Wer dann nicht schnell genug wegrennen kann, den erwischt es,
alles im Rahmen versteht sich. In Bad Hindelang dürfen als Klausen nur ledige Bad Hindelanger
Burschen teilnehmen. Nach ca. 4 Stunden ist das Spektakel beendet, dann ziehen die Klausen bis in
die Morgenstunden noch durch die einheimischen Kneipen und Häuser, um den Tag entsprechend
ausklingen zu lassen.
Der Tag zuvor, der 4. Dezember steht dabei ganz im Zeichen der jungen
Mädchen. Dies ist der Tag der heiligen Barbara, der Namensgeberin für das
„Bärbeletreiben“. Dabei sind die Mädchen gekleidet wie alte Weiber, und auch sie sind
mit Schellen und Ruten „bewaffnet“, um Burschen und Mädchen vor sich her zu treiben.









